Aerial view of a large dam with multiple spillways, surrounded by lush greenery and mountains under a cloudy sky.

Blog

Februar 19, 2026

«Papa, warum sind manche Länder arm und andere reich?»

Sandro Stübi avatarSandro Stübi

Eine einfache Kinderfrage, ein komplizierter Vater und viel Forschung. Nachdenken über Geschichte, Institutionen, Geografie und Ideen.

Ich gebe es zu: Ich mag die Dinge kompliziert. Und das ist nicht besonders populär. Schon gar nicht bei meinem Sohn, der mir nebenbei die grundlegende Frage stellt, warum manche Länder arm und andere reich sind, während er eigentlich schon auf dem Sprung ins Training ist. 

Vielleicht liegt meine Abneigung gegen einfache Antworten an meiner eigenen Unfähigkeit, komplexe Gedanken pointiert zu formulieren. Vielleicht aber auch an meinem Misstrauen gegenüber der Vorstellung, dass sich schwierige Fragen immer eindeutig klären lassen. Als gäbe es die eine Wahrheit, die man nur kennen oder mutig aussprechen müsste.

«Eine interessante Frage. Die kann ich dir nicht so schnell beantworten», meinte ich. «Da gibt es sicher die industrielle Revolution, das Erbe der Kolonialzeit, die globale Wirtschaftsordnung, Kriege…es ist halt kompliziert. Bildung, ja Bildung, Innovation und Verteilungsfragen sind sicher auch ein Punkt.» Mein Sohn nickte höflich und zischte ab. Kinder spüren, wenn Erwachsene improvisieren. Meine Unzulänglichkeit war immerhin ein Anlass, das Halbwissen mit etwas Literatur zu unterfüttern.

Reichtum hat Geschichte

Die Frage nach den Ursachen von Wohlstand und Armut von Nationen lässt sich – wenig überraschend  – nicht monokausal beantworten. Es kommt halt darauf an. Entsprechend haben sich in der Forschung unterschiedliche, teils komplementäre, teils konkurrierende Perspektiven etabliert. In einem Punkt ist man sich aber relativ einig: Reichtum hat Geschichte. Und diese beginnt selten mit Fleiss, noch ist sie freundlich. Koloniale Enteignung, Sklaverei, Gewalt und unausgewogene Handels- und Finanzverträge schufen eine Welt, in der einige Länder früh Industrien aufbauten, während andere Rohstoffe lieferten und Schulden anhäuften. Eine Arbeitsteilung, die bis heute bemerkenswert stabil ist. Wohlstand ist also pfadabhängig und wird nicht nur produziert, sondern auch abgeschöpft. Das zeigt sich etwa am Beispiel Grossbritanniens, das sich im späten 18. und 19. Jahrhundert industrialisierte, während Indien gezielt deindustrialisiert und in die Rolle eines Rohstofflieferanten gedrängt wurde.

In ähnlicher Weise beschreibt die Forschung zu globalen Wertschöpfungsketten die Gegenwart: Produktion ist international fragmentiert, die Erträge daraus jedoch stark konzentriert. Länder der Peripherie verbleiben in niedrigmarginalen Segmenten wie Rohstoffförderung oder einfacher Montage, während Technologie, Finanzierung, Design und Markenmacht im Zentrum angesiedelt sind. 

An diesem Punkt treten Institutionen auf den Plan. 

Institutionen sind kein Detail

Eine der einflussreichsten Denkschulen beim Thema Wohlstand ist der Neo-Institutionalismus, massgeblich geprägt durch die Arbeiten von Daron Acemoglu und James A. Robinson, die 2024 zusammen mit Simon Johnson den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielten. Ihre Message: Institutionen machen den Unterschied. Der oft zitierte Vergleich zwischen Südkorea und Ghana zeigt dies eindrücklich. Beide Länder hatten in den 1950er-Jahren ein ähnliches Einkommensniveau; heute liegt das Pro-Kopf-Einkommen Südkoreas um ein Vielfaches höher. 

Gut funktionierende Institutionen wie ausgewogene Steuersysteme und garantierte Eigentumsrechte sorgen für klare Regeln, Sicherheit und Teilhabe – und ermöglichen Innovation und Wachstum. Wo solche inklusiven Institutionen fehlen, werden Entwicklung und soziale Mobilität gebremst, und Macht und Reichtum konzentrieren sich bei wenigen.

Aber selbst wenn inklusive Institutionen ein zentraler Faktor für Wohlstand sind, entstehen sie nicht im luftleeren Raum, sondern aus historisch gewachsenen Machtverhältnissen. Nur wenn Staat und Gesellschaft in einem dynamischen Gleichgewicht stehen, können inklusive Institutionen entstehen und sich behaupten. Gute Governance-Strukturen lassen sich nicht einfach so implementieren.

Die Leiter wurde weggezogen

Selbst dort, wo Staaten versuchen, diesen institutionellen Weg einzuschlagen, stossen sie heute auf neue Grenzen: die sogenannte «vorzeitige Deindustrialisierung». Ökonomen wie Dani Rodrik zeigen, dass viele Länder heute gar nicht mehr die Möglichkeit haben, den klassischen Industrialisierungspfad zu beschreiten. Sie verlieren industrielle Arbeitsplätze, bevor sie überhaupt ein mittleres Einkommensniveau erreicht haben – ausgebremst durch globale Konkurrenz, billige Importe und volatile Kapitalmärkte. In vielen Ländern Subsahara-Afrikas erreichte der Anteil des Industriesektors nie mehr als 10–15 Prozent und sinkt teils bereits wieder – deutlich früher als historisch in Europa oder Ostasien.

Nicht alle Entwicklungshemmnisse sind jedoch politisch oder ökonomisch hergestellt.

Wenn der Ort zum Nachteil wird

Eine ältere Perspektive ist die geographisch-ökologische Schule von Jared Diamond oder Jeffrey Sachs. Diese Denkschule argumentiert, dass geographische Faktoren wie Klima, Krankheitslast (z.B. Malaria in tropischen Regionen) und die Verfügbarkeit von natürlichen Ressourcen oder der Zugang zu Handelswegen entscheidende Faktoren für die Entwicklungschancen einer Nation sind. 

In den letzten Jahren kommt hinzu: Viele der Länder, die bereits durch ungünstige geographische Bedingungen benachteiligt sind, sind gleichzeitig am stärksten von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen. Dürren, Überschwemmungen und extreme Wetterereignisse zerstören Lebensgrundlagen und Infrastruktur. Damit wird eine Armutsspirale erzeugt oder verstärkt.

Neben materiellen Bedingungen rücken aber auch Ideen und Deutungsmuster in den Blick.

Ideen sind mächtig

Schliesslich betonen kultur- und wissenssoziologische Ansätze die Rolle von Ideen, Werten und kulturellen Einstellungen für die wirtschaftliche Entwicklung. Joel Mokyr argumentiert, dass das rasante wirtschaftliche Wachstum in der westlichen Welt – ausgehend von Grossbritannien im 18. Jahrhundert – durch einen Wandel in der kulturellen Wertschätzung von Innovation, wissenschaftlicher Forschung und technologischem Fortschritt in der europäischen Vormoderne ermöglicht wurde. Technisches Wissen entwickelte sich damals nicht nur, es wurde sozial legitimiert. Erfinder galten als nützlich, nicht als verdächtig. Deirdre McCloskey ergänzt dies mit ihrer Betonung der bürgerlichen Tugenden und einer veränderten Rhetorik über Handel und Unternehmertum.

Es gibt auch kritische Stimmen, die das dominante Verständnis von wirtschaftlicher Entwicklung ganz grundsätzlich hinterfragen. Sie sehen darin ein westlich geprägtes Modell von Fortschritt und Wohlstand, das andere Lebensweisen verdrängt. Kamanamaikalani Beamer zeigt auf, dass vorkoloniale Gesellschaften regenerative Wirtschaftssysteme besassen, die auf Prinzipien gemeinschaftlichen Wohlstands basierten und eine Alternative zum materiellen, wachstumszentrierten Wohlstandsbegriff darstellen.

Insgesamt zeigt die aktuelle Forschung ein komplexes Zusammenspiel – welche Freude! – von Institutionen, historischen Macht- und Gewaltstrukturen, geographischen Gegebenheiten und kulturellen Werten. 

Und jetzt? Was hätte ich meinem Sohn auf die Frage von arm und reich antworten sollen? Das ist eine weitere schwierige Frage, die ich mir zuerst einmal überlegen muss.

Sandro Stübi avatarSandro Stübi